Geschichten I

Man ist nie allein ...

 

Der alte Mann war so gestorben, wie er die letzten Jahrzehnte seines Lebens gelebt hatte: Einsam. Verwandte und Freunde hatten ihn längst vergessen, und so geschah es, dass niemand mehr wusste, wie er richtig hieß, und woher er stammte.

Man fand ihn in seiner ärmlichen Bruchbude, umgeben von vielen Büchern und Flaschen. In seinen Händen hatte er die Bibel, und der herbeigerufene Arzt sah, dass der Satz „Vater, warum hast Du mich verlassen?“ mit einem Rotstift dick umrahmt worden war.

 

Die Stadtverwaltung kümmerte sich um die Beerdigung. Keine Menschenseele folgte dem Sarg. Und so kam es, dass nach dem Gebet der Pastor ganz allein den letzten Blick in das Grab warf.

 

Plötzlich zupfte ihn jemand am Talarärmel. Er blickte zur Seite und sah ein kleines Mädchen mit traurigen Augen zu ihm hoch schauen.

„Warum weinst Du denn? Ist es, weil Du ganz allein bist?“

„Nein, weil er ganz allein war“, antwortete der Pastor.

„Sei nicht traurig“, sagte das Mädchen, „wir beide sind doch hier!“

Das Mädchen nahm eine Rose aus dem dargebotenen Schälchen und warf sie auf den Sarg.

„Schlaf’ gut“, sagte es dann.

 

Der Pastor, der nur kurz auf die Rose geschaut hatte, drehte sich zur Seite und wollte dem Mädchen danken, aber es war verschwunden. Statt seiner war an der Stelle, wo es gestanden hatte, ein silbriger Schimmer zu sehen, und eine winzig kleine Feder lag auf dem Weg.

 

Im Lande der Ewigkeit aber hatte die Seele des alten Mannes ihren Frieden gefunden, und ein kleiner Engel bekam seine Flügel.

 

Immer und überall

 

In einem Bus sitzt eine traurig ausschauende Frau und stiert mit leeren trüben Augen auf den Boden vor sich. Sie nimmt kaum wahr, dass an der nächsten Haltestelle ein alter Mann zusteigt und ihr schräg gegenüber Platz nimmt.

Was sie aber wahrnimmt, ist der wunderschöne bunte Blumenstrauß, den der Alte auf den Knien liegen hat. Immer wieder schaut sie darauf und erfreut sich an ihm. Und langsam, ganz langsam kehrt das Leben in ihre Augen zurück, und sogar ein kleines kurzes Lächeln huscht über ihr Gesicht.

Das geht so ca. 10 Minuten, und die nächste Haltestelle wird in Kürze erreicht sein. Die Frau schaut hoch, sieht den Alten an und bemerkt, dass er sie sehr interessiert mustert. Sie erschrickt und fühlt sich irgendwie ertappt.

 

Da steht der Alte auf, geht zu ihr und sagt:

*Ich habe wohl gesehen, dass ihnen der Blumenstrauß gut gefällt. Und deshalb soll er Ihnen gehören. Pflegen Sie ihn gut, er hat es verdient. Ich werde meiner Frau sagen, dass ich ihn verschenkt habe. Sie wird dafür Verständnis zeigen und sich freuen.*

 

Die Frau ist verblüfft und weiß nicht, was sie sagen soll. Und bevor sie schließlich doch noch ein *Danke!* über die Lippen bekommt, sieht sie, dass der Alte schon an der sich öffnenden Tür steht, lächelt und ihr zuwinkt. Sie winkt schüchtern zurück und blickt ihm nach. Und da sieht sie, wie der alte Mann auf ein großes Tor zugeht, über dem in großen Lettern >FRIEDHOF< steht.

 

Da hält sie sich die Blumen vor ihr plötzlich zuckendes Gesicht und weint. Endlich kann sie weinen. Es ist wie eine Erlösung, und ihr kommt die Erkenntnis, dass einem ein Engel immer und überall begegnen kann. Er muss nicht schön sein, Flügel haben oder ein langes weißes Gewand tragen.

Manchmal kommt er als alter Mann daher, der nur einen Strauß Blumen dabei hat.

 

Wenn der Frühling erwacht

 

Die Beiden saßen so auf der Waldbank, wie es verliebte Pärchen nun einmal zu tun pflegen: Er hatte beschützend den Arm um sie gelegt, und sie bettete ihren Kopf in seine Halsbeuge. So saßen sie in der wärmenden Abendsonne und schwiegen gemeinsam in die herrliche Landschaft, die sich vor ihnen zeigte, und nahmen diesen ersten Frühlingstag tief in sich auf.

 

Plötzlich sagte er: *Weißt du was, mein Kleines? Ich liebe dich wie am ersten Tag. Du bist der größte Schatz, den ich mir für mich wünschen konnte, und der kommende Frühling wird bestimmt doppelt so schön, alleine schon deshalb, weil du bei mir bist. Danke, dass es dich gibt!*

 

*Ach du*, sagte sie, *durch deine Liebe ist mein ganzes Leben mit dir ein Frühling gewesen, und dafür danke ich dir. Ich liebe dich auch, Hase.*

Und sie küssten sich ... ganz zärtlich und behutsam. Er streichelte sanft ihr Gesicht und blickte sie verliebt an. Dann wieder schweigend genossen sie beide das Gefühl, sich in der Obhut des anderen unglaublich geborgen zu fühlen.

 

*Wollen wir nach Hause gehen? Es dämmert bereits.*, fragte er nach einiger Zeit, und sie nickte.

*Ja, ist gut. Es war ein wunderschöner Hochzeitstag, oder?*

*Er hätte schöner nicht sein können!*

 

Sie lächelten beide, standen langsam auf, nahmen ihre Handstöcke, hakten sich unter und gingen dem nahen Dorf entgegen.

 

Und der Frühling erwachte und begleitete sie in das 61. Jahr ihrer Ehe.

 

Mutter und Sohn

 

Die Mutter drängelt den 11-jährigen Sohn, ihr nun endlich seinen Aufsatz zu zeigen, der nächste Woche in der Schule fällig wird. Der Junge aber antwortet wie immer, dass er doch noch Zeit habe, und er ihn schon rechtzeitig fertig haben würde. Aber sie drängelt und drängelt, und endlich, drei Tage später, zeigt der Sohn seinen Aufsatz. Sie ist zufrieden, denn der Aufsatz ist recht schön geworden.

 

Eine Woche später liest sie nach der Arbeit in ihrer Frauenzeitschrift die Berichte von Leserinnen zu einem wöchentlich variierenden Thema. Und mit Entsetzen stellt sie fest, dass ihr Sohn einen dieser Berichte wörtlich abgeschrieben hatte, und diesen dann als seinen Aufsatz herzeigte. Sie stellt ihren Sohn zur Rede, der sagt aber nur, dass ihm ihre Drängelei auf den Geist gegangen sei, und er sich keinen anderen Ausweg wusste. Und für seinen richtigen Aufsatz habe er übrigens eine Zwei bekommen.

 

Zwei Wochen passiert nichts, als es plötzlich nachmittags an der Tür klingelt.

Ein Polizist steht da, ihren Sohn vor sich, und sagt, dass der Sohn gestern im Edeka-Markt einen Beutel mit Keksen gestohlen habe. Die Kamera habe ihn dabei gefilmt, aber er lief so schnell raus, dass man ihn nicht mehr habe erwischen können. Heute nun sei er wieder dort gewesen, der Ladenleiter habe ihn aber sofort an der identischen Kleidung erkannt, ihn festgehalten und die Polizei alarmiert. Er würde aber von einer Anzeige absehen, wenn der Schaden beglichen werden würde.

 

Die Mutter sagt dies sofort zu, nimmt ihren Sohn am Schlafittchen, nennt ihn Dieb und Lügner, und verordnet einen Monat Hausarrest. Dies sei nun das zweite Mal innerhalb kurzer Zeit, dass er sie furchtbar enttäuschen würde. Der Sohn sagt, er sei es nicht gewesen. Er sagt dies zwischen ihrem Schreien und Zetern bestimmt 10x, aber sie schickt ihn nach oben.

Mit traurigen Augen guckt der Sohn sie an, sagt ein letztes Mal, dass er es nicht gewesen sei, und geht auf sein Zimmer.

 

Die Mutter geht zum Edeka-Markt, begleicht die Rechnung, bittet aber darum, den Film anschauen zu dürfen, der ihren Sohn zeigt. Und tatsächlich: er ist es, zweifellos. Der gleiche Parka, die gleiche Jeans, die gleichen Turnschuhe, und das gleiche wehende blonde Haar, das sie bei ihrem Sohn so liebt. Sie sieht ihn zwar nur von hinten beim Rauslaufen, aber er muss es sein.

 

Wieder zwei Wochen später sitzt die Mutter nach dem Einkaufen in der Fußgängerzone vor einem Eis-Cafe, als ihr Sohn näher schlendert. Sie will schon aufspringen und ihn zur Rede stellen, als sie bemerkt, dass er es gar nicht ist, ihm aber fast aufs Haar gleicht. Und wieder ist es der gleiche Parka, die gleiche Jeans, die gleichen Turnschuhe, und das gleiche blonde Haar.

Sie starrt ihn an, und als er vorbei ist, bemerkt sie am Parka die weißen Schmuckränder am Ärmel, die ihr vorher gar nicht aufgefallen waren. 

Sie bezahlt hastig, läuft fast zum Supermarkt und fragt den Ladenleiter, ob er den Film von ihrem Sohn noch habe. Er hat ihn, und als sie genau hinschaut, sieht sie die weißen Schmuckränder. Sie bedankt sich stotternd, läuft fast nach Hause, stürzt zur Garderobe zum Parka ihres Sohnes ..... und siehe da: keine Schmuckränder, weder weiße noch andersfarbige.

 

Erleichtert, aber auch tief beschämt, geht sie die Treppe hoch zum Zimmer ihres Sohnes und klopft .....

 

Die Erlösung

 

Ein kleiner Junge, schmutzig, furchtbar schmal in Figur und Gesicht, und ganz blau gefroren, stand vor der Kirchentür und wartete auf die vielen Menschen, die gleich den Gottesdienst des Heiligen Abends mitmachen wollten.

Jedem, der den Schritt zur Tür lenkte, streckte er schüchtern die Hand hin und sagte:

„Bitte, haben sie Mitleid mit meinem armen Kätzchen, das Not und Hunger leidet. Nur eine kleine Gabe für ein Schälchen Milch, bitte!“

Niemand, wirklich niemand hielt an, um sich ihm zuzuwenden, oder ihm ein kleines Geldstück zu geben. Im Gegenteil, er wurde übel beschimpft und einmal sogar von dem Eingang zur Kirche weggezerrt.

 

Müde, bitter enttäuscht, und voller Angst wegen seines hungernden Kätzchens wandte er sich ab und schlurfte den Weg entlang der Kirche zu einer Bank, um sich auszuruhen. Er brauchte dringend ein Minütchen, um Atem zu holen. Dann würde er auf den Ausgang des Gottesdienstes warten und es erneut versuchen. Vielleicht waren die Herzen der Menschen durch die Gebete und Gesänge, die sie im Namen des Herrn sprachen und sangen, ein wenig erwärmt worden, und sie würden sich seiner annehmen.

Er wurde immer müder und fror jämmerlich, das Kätzchen jammerte immer lauter um Futter, und der kleine Junge verlor mehr und mehr den Mut. Die Kraft hatte ihn verlassen.

 

Plötzlich umgab ihn ein warmes, unendlich helles Licht, aber eigentlich war es doch wie vorhin auch noch. Er saß ganz normal auf der Bank, und er hatte das Kätzchen unter seiner dünnen Jacke verborgen. Unendlich wohl fühlte er sich auf einmal, und als er sich ungläubig umschaute, erblickte er einen älteren Herrn, der sich zu ihm setzte.

Der schaute ihn freundlich an und sagte mit einer sehr sanften Stimme:

„Na junger Mann, was macht ihr beiden denn hier?“

Und der Junge, wie tausendmal vorher auch schon, antwortete:

„Bitte, haben sie Mitleid mit meinem armen Kätzchen, das Not und Hunger leidet. Nur eine kleine Gabe für ein Schälchen Milch, bitte!“

 

„Sieh doch, mein Kleiner“, sagte der Mann und zeigte nach vorne. Der Junge glaubte seinen Augen nicht zu trauen, denn er konnte ganz genau sehen, wie sein Kätzchen vor einem wohlig warmen Kamin hockte und aus einem Schälchen Milch trank. Es lag aber noch unter seiner Jacke und schlummerte, das fühlte er ganz genau!

„Aber, aber ... wie geht denn das? Das stimmt doch nicht, wir sitzen doch hier vor der Kirche, und es ist doch kalt, wie kann das denn“, stammelte der Junge vor sich hin.

„Beruhige dich“, besänftigte der alte Herr ihn, „du kannst auch mit hinein kommen, wenn du möchtest!“

„Ja, aber, aber, wie“, setzte das Kind wieder an.

„Ruuuhig, es passiert dir nichts. Du wirst nie wieder frieren und hungern, und dein Kätzchen auch nicht. Sieh nur, jetzt spielt es schon und wartet auf dich. Möchtest du nicht mit hinein kommen?“

„Ja, aber wer sind sie denn, ich kenne sie doch gar nicht. Sie müssen aber sehr reich sein, wenn sie so ein schönes warmes Haus haben. In so einem schönen und warmen Haus wollte ich schon immer wohnen.“

„Das darfst du auch ab jetzt. Aber nur, wenn du möchtest.“

„Ja, ist gut, nehmen sie mich mit hinein, auf mich wartet eh niemand.“

„Ich weiß“, sagte der Mann, „ich weiß.“

„Sie haben mir aber immer noch nicht gesagt, wie sie heißen, das müsste ich doch schon gerne wissen, bevor ich mitkomme“, sagte der Junge.

 

„Du darfst ab heute Papa zu mir sagen“, antwortete der alte Herr, „die Menschen dort in der Kirche nennen mich zwar Gott, aber sie tragen mich noch lange nicht in ihren Herzen.“

Und der Junge ging ohne Angst mit hinein, und sein putzmunteres Kätzchen lief ihm entgegen ...

 

Am nächsten Morgen fand man die beiden tot und steif gefroren auf der Bank vor der Kirche. Das Kätzchen sah aus, als würde es friedlich schlummern, und der Junge, ja, der Junge lächelte.