Gedanken II

Die Vorfreude

 

Wie oft habe ich mir schon gesagt: "Und ich habe mich so gefreut!", wenn eine Hoffnung zerstört oder ein Wunsch kurz vorm Ziel zerplatzt war?! Unzählige Male! Und oft habe ich dazu gesagt: "Wieder nichts!", "Alles war umsonst!", "Die ganze Arbeit war für die Katz!", "Wozu das alles!" U.Ä. Sie kennen das sicher alle.

Die Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit in diesen Momenten war immer enorm, und ich brauchte immer eine gewisse Zeit, um drüber hinwegzukommen.

 

In all diesen Jahren, die gefüllt waren mit solchen zerstörten Hoffnungen und zerplatzten Wünschen habe ich eines immer übersehen. Und das ist mir bei meinen Gedankengängen erst so richtig bewusst geworden: Es war die Vorfreude auf etwas!

Und ich habe mir klar gemacht, dass die Vorfreude auf etwas, dass später gelingt, genauso groß war, wie die Vorfreude auf etwas, was später nicht gelungen war. Und aus diesem Grunde habe ich mir fest vorgenommen, mir meiner Vorfreude auf etwas viel bewusster zu sein als es früher der Fall war. Denn somit wird die Freude des Gelingens größer, die Niedergeschlagenheit des Misslingens aber wird nicht so intensiv sein.

 

Diese Gedanken haben mich sehr gefreut, und ich kann die nächste zu erwartende Vorfreude auf etwas kaum noch erwarten.

 

Die unbekannte Heimat

 

Heute Nacht habe ich endlich mal wieder tief und lange schlafen dürfen, und der Schlaf schenkte mir schöne, aber merkwürdige Träume:

Ich träumte von fremden Menschen, die anders aussahen als ich, die aber dennoch meinen Namen riefen. Sie trugen Kleider und Hüte, die eigentlich ganz praktisch waren, die aber wohl hier bei uns nur Staunen und Gelächter hervorrufen würden.

Ich träumte von Tieren, die ich noch nie gesehen hatte, von denen ich aber wusste, dass ich sie streicheln konnte, obwohl sie größer als Hunde waren, und auch viel gefährlicher wirkten.

Ich träumte von mir völlig unbekannten Bäumen und Pflanzen, deren Farben und Düfte ich tief in mir aufnahm, und plötzlich ihre Bezeichnungen kannte. Ich weiß jetzt auch ganz bestimmt, dass man farbig träumt, und man im Traum riechen kann.

Ich träumte von wild rauschenden Flüssen und von mit riesigen Blättern bewachsenen Seen, auf denen flache Boote dahin glitten wie Delphine.

Ich träumte von Bergen, Hügeln und Wegen, die ich nie gegangen war, von denen ich aber wusste, dass sie weinen und seufzen können, wenn ein Kind Abschied nehmen muss.

 

Mir wurde klar, dass ich von einem Land träumte, das meine Heimat war, und ich musste weinen. Als ich aufwachte, weinte ich immer noch, und eine unstillbare Sehnsucht erfüllte mein Herz. Ich kenne dieses Land nicht, aber eines Tages werde ich dorthin zurückkehren.

 

Und ich weiß nun, dass (nur) dort meine Seele ihren Frieden finden wird.

 

Spuren ...

 

Nach vielen Jahren kommt einem mal wieder ein Name in den Sinn, der vor langer Zeit genauso geläufig über die Zunge schlüpfte wie der eigene. Und man erinnert sich an den Menschen, der in der Kindheit einmal ein guter Freund gewesen war.

Doch plötzlich veränderte sich alles. Es kam der Beruf, oder vielleicht die höhere Schule, es kamen die Mädchen, das Militär, die Frau, die eigenen Kinder, und zum Schluss eventuell gar der Umzug.

 

Ja, und dann, dann hatte man sich auf einmal verloren in dieser großen Welt, die doch eigentlich so klein ist. Und anstatt zu versuchen, ihn wieder zu finden, denkt man sich, ach, der hat dich doch schon längst vergessen, und er hat bestimmt anderes zu tun, als mit dir olle Kamellen aufzuwärmen. Und man weiß nicht, oder kann es sich absolut nicht vorstellen, dass es dem *ehemaligen* Freund ebenso ergehen könnte wie einem selbst.

Aber man tut nichts, und man vergisst wieder ... und wieder, und wieder ...

 

Und eines Tages schlägt man dann bei Kaffee und Brötchen die Zeitung auf und weiß, dass es jetzt dafür zu spät ist, noch einmal Verbindung aufzunehmen. Und man verlässt den Frühstückstisch, geht zurück ins noch dunkle Schlafzimmer, legt sich ins Bett, und denkt und weint, und erinnert und weint ... und weint und weint.

Es hätte noch soviel zu fragen gegeben, es hätte noch soviel zu sagen gegeben ... Mensch, ich wusste doch nicht --- Mensch, ich freu mich --- Wie geht es dir --- Ach da wohnst du jetzt --- Die hast du geheiratet??? --- Was? Drei Kinder? Geil, Alter! --- Weißt du noch? --- Nee, der lebt auch schon nicht mehr --- Hast du gehört? Schorse hat Krebs, ausgerechnet Schorse --- Wat? HSV steigt ab? Glaub ich nicht. Wetten wir? ...

 

Stunde um Stunde hätte man noch für sich gehabt, Tag für Tag hätte man noch ... Jahre hätte man noch ... Verschenkt, vorbei, aus, Ende!! Und es bleiben letztlich nur die gefalteten Hände, die Schaufel Sand, das kurze Gebet, die einzelne Rose ... Und wieder Tränen.

 

Jedes Leben hinterlässt Spuren. Auch wenn es bei einem gestorbenen Kind nur die kurze Flamme des Glücks in den Herzen der Eltern war, auch das war eine Spur. Deine Spuren, lieber Freund, haben mich nie verlassen, ich konnte es dir leider nicht mehr sagen.

 

Nie werden mich deine Spuren verlassen. ...

 

Jeden Morgen ...

 

Jeden Morgen, den Gott werden lässt, erwacht in Afrikas Savanne eine Gazelle.

Sie weiß, dass sie schneller laufen muss als der schnellste Löwe, wenn sie am Leben bleiben will.

Und jeden Morgen, den Gott werden lässt, erwacht in Afrikas Savanne ein Löwe.

Er weiß, dass er schneller laufen muss als die langsamste Gazelle, wenn er nicht verhungern will.

 

Egal nun, ob man ein Löwe ist oder eine Gazelle: Sobald die Sonne aufgeht, muss man laufen!